"Wir müssen mehr regional und saisonal essen!"

Seit 1983 führt Angela Schulze-Hamann ihren Landgasthof im schleswig-holsteinischen Blunk. Schon in der dritten Generation betreibt die Köchin mit ihrem Ehemann das Hotel mit angeschlossenem Restaurantbetrieb. Das Erfolgsrezept der Schulze-Hamanns ist so einfach wie genial: aus der Region für die Region. Sie beziehen ihre Lebensmittel aus dem unmittelbaren Umfeld und wissen daher, wo alle ihre Produkte herkommen.Ein Interview mit Angela über ihr Engagement für gutes Essen, die Ernährungswende und ihre „GemüseAckerdemie“.


Angela, seit wann kochst du und wie ist deine Leidenschaft fürs Kochen entstanden?

Das hat Zuhause angefangen. Meine Eltern hatten neben der Gastronomie auch immer landwirtschaftliche Flächen, darum hatte ich von klein auf eine besondere Beziehung zu den Lebensmitteln. Seit ich den Betrieb vor 35 Jahren übernommen habe, koche ich dort. Anfangs musste ich erstmal einiges verändern, denn damals war es noch Gang und Gebe, dass man Maggi gleich mit auf den Tisch stellte. Während meiner Ausbildung habe ich gemerkt, dass das auch anders geht und habe mich dann Stück für Stück von dem Convenience Food wegbewegt.

Wo beziehst du deine Produkte heute her? Worauf achtest du dabei?

Ich habe 35 Kleinstlieferanten aus Schleswig-Holstein, die maximal 80 Kilometer von uns entfernt sind. Ich achte darauf, dass ich eine direkte Verbindung zum Erzeuger habe. Wir kennen unsere Produzenten, die Tierhaltung und die Fütterung. Vor kurzem sind wir deswegen auch mit der Tierschutz-Kochmütze ausgezeichnet worden. Wir reden nicht nur, sondern wir handeln auch – und wir machen alles zu 100 Prozent selbst. Nebenan formt meine Tochter gerade selbst Kroketten. Alles, was wir nicht aus der Region beziehen können, wie Kaffee, Tee und Schokolade, kommt aus fairem Handel.

Du bist auch bei Slow Food aktiv. Wie kamst du dazu, dich dort zu engagieren?

2007 hat sich in Schleswig-Holstein der Verein Feinheimisch gegründet. Da waren wir sofort mit dabei und später sind wir dann bei Slow Food gelandet. Feinheimisch ist das auf regionaler Ebene, was Slow Food weltweit ist: ein Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften. Mir geht es darum mehr Transparenz und Vertrauen zu schaffen. Ich wollte den Gästen erklären können, wo genau unsere Produkte herkommen. Jetzt kann ich selbstbewusst sagen: „Da können Sie selbst hinfahren und sich die Produktion angucken!“ Das stärkt die Region und bindet Arbeitskräfte hier. Es hat sich gezeigt, dass wir vor Ort Wertschöpfung betreiben können.

Ihr ladet Schulklassen in eure „GemüseAckerdemie“ ein. Was passiert da genau auf dem Acker und warum ist es wichtig, schon mit jungen Menschen über Essen und die Herstellung zu sprechen?

Wir stellen das Land zur Verfügung, aber die Arbeit auf dem Acker leisten zwei Kindergärten. Ich finde man kann nicht früh genug anfangen, Kindern beizubringen, vom Acker bis zum Teller zu denken. Bei uns lernen sie, das Land zu pflegen, etwas zu säen und – wie diesen Sommer –  was passiert, wenn es so heiß ist. Die Ernte war nämlich nicht so ertragreich wie sonst. Die Kleinen sollen sehen, dass ein eigener Garten anders als der Einkauf im Supermarkt ist. Die Kinder lernen hier Maß zu halten, sich nur das aus dem Garten zu holen, was man drinnen auch verarbeitet.  Auf einmal schmecken die Pommes besser und der Ketchup ist auch anders. Aber nicht alle sind davon gleich begeistert.

Ein Slogan unserer Demo ist „Essen ist politisch!“. Stimmst du der Aussage zu?

Total! Meine Tochter hat mir mal gesagt: „Mama, pass auf, dass dein Essen nicht zu politisch wird.“ Nicht jedem gefällt es, wenn Essen politisch ist. Deswegen sollte man den Menschen erstmal die Sinnlichkeit und Freude am Essen spüren lassen. Man muss aber auch vermitteln, dass wer hier günstige Hähnchenbrust kauft, damit auch die Billig-Exporte in die Länder des Südens finanziert. Die deutschen Hähnchenflügel werden dort billiger als die heimischen verkauft, was die lokalen Märkte verdirbt. Da merkt man schnell: Essen ist sehr politisch.

Auf eurem Landgasthof habt ihr einen nachhaltigen Weg eingeschlagen. Wie kam das bei den Gästen an?

Als wir anfingen auf regionale Produkte mit Bio- und Fairtrade-Zertifizierung zu setzen, haben wir erstmal sehr viele Gäste verloren. Die haben nicht verstanden, dass mein Bio anders ist als das Bio bei Aldi und Lidl und dachten: Was bildet die sich ein? Aber der Zugewinn an Gästen, die bewusst essen wollen, ist viel größer und macht mich viel glücklicher und reicher, als die Gäste, die vorher nicht wussten, wie man Essen wertschätzt.

Was muss die Politik tun, damit die Ernährungswende umgesetzt werden kann?

Die Politik muss einfach härter durchgreifen und mehr kontrollieren. Es kann nicht mehr sein, dass mit Pestiziden belastete Lebensmittel im Umlauf sind. Den Menschen sollte auch klar werden, dass gesundes Essen die wichtigste Basis ihres Lebens ist. Bildung ist dabei der Schlüssel zum Erfolg. Gesunde Ernährung muss zum Schulfach werden. Das ist die Aufgabe der Politik. Wer gut in Mathe ist, schafft es damit alleine nicht zu überleben. Aber wer sich gut ernähren kann, überlebt.

Wir bemerken die Auswirkungen des Klimawandels immer deutlicher. Was können wir tun, um klimagerechter zu essen?

Klimagerechtes Essen bedeutet natürlich weniger Fleisch essen. Als Gastronomen sind wir auch in der Verantwortung, mehr vegetarische und vegane Gerichte auf die Karte zu bringen. Das finde ich ganz wichtig. Wir müssen vermehrt regionale und saisonale Produkte essen. Insgesamt sollten Nahrungsmittel teurer sein, damit sie mehr wertgeschätzt und bewusster zu sich genommen werden. Es ist höchste Zeit, dass wir uns endlich anstrengen, um den Klimawandel auch nur annähernd in den Griff zu bekommen.

Im Januar gehen wir wieder mit vielen Tausenden in Berlin für gutes Essen und gute Landwirtschaft auf die Straße. Was ist deine Botschaft an die Wir haben es satt!-Bewegung?

Wertschöpfung wird nur durch Wertschätzung erreicht. Damit meine ich: Erst wenn wir das Essen wieder wertzuschätzen wissen, können wir einen Mehrwert daraus ziehen. Mich persönlich bereichert bewusstes Essen. Ich empfinde das nicht als Verzicht, sondern als Zugewinn. Das Leben wird viel spannender, weil man nach immer neuen Ideen und Alternativen suchen kann. Dabei sollten wir aber Essen wieder einfacher denken, vom Acker auf den Teller, das ist für mich Luxusleben.

Bist du am 19. Januar in Berlin dabei?

Na klar, wie jedes Jahr!

Warum nimmst du diesen weiten Weg auf dich?

Ich bin mit den Köchen der Slow Food Chef Alliance dabei. Aber ich gehe vor allem zur Demo, um zu zeigen, dass wir nur gemeinsam etwas erreichen können. Wenn ich alleine hier in Blunk koche, bringt das nicht so viel. Natürlich schon in meinem unmittelbaren Umfeld, aber ich muss auch darüber hinaus meine Stimme zeigen. Wenn wir stark und viele sind und gemeinsam auftreten, dann können wir viel mehr bewegen