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Eine „fantastische Zeit“ auf Hof Mahlitzsch

Es ist kurz vor 9 Uhr morgens, als wir endlich mittelsächsische Landluft atmen. Zuvor habe ich Laura aus Leipzig abgeholt, und nach einer Autofahrt ohne Klimaanlage bei 35 Grad über Autobahn und ein paar Landstraßen sind wir schließlich in Mahlitzsch angekommen. Ludwig, der Landwirt von Hof Mahlitzsch, empfängt uns und gibt uns eine kleine Tour, damit wir uns bis zum nächsten Morgen nicht verlaufen.

Wir laufen ca. eine Stunde vom Hof über eine große Wiese zum Kuhstall, von dort aus zwischen Heuballen und Maschinen zur Molkerei, zu den Getreidesilos, den Waschstationen, Kühlräumen und Packstationen. Wir überqueren die schmale Landstraße zur Gärtnerei und schlendern durch die Folientunnel gefüllt mit Gurken, Tomaten, Salaten und Kräutern und schauen zum Sonnenuntergang über die Gemüseanbauflächen im Freiland. Die Windräder drehen sich, man hört die Grillen zirpen und wir setzen uns im Westhaus des Hofes in die heiße Küche für etwas Abendbrot. Es gibt Brot, Aufstriche und Molkereiprodukte vom Hof, und wir lassen es uns gut schmecken. Wir sind kaputt von der Hitze und fallen auf unsere Betten auf dem ehemaligen Zwiebelboden, der jetzt ein Schlafsaal ist.

Hof Mahlitzsch ist ein Demeter-Betrieb zwischen Nossen und Meißen in Sachsen. Sie bewirtschaften knapp 400 Hektar Weide-, Acker-, und Waldflächen mit ca. 80 Milchkühen und bis zu 60 Mitarbeitenden in der Saison. Der Hof versucht, die Wertschöpfungskette durch eigene Hand noch ein paar Schritte weiterzugehen, so gibt es z.B. die Molkerei, die Milch, Frischkäse, Quark und Joghurt herstellt, und die Hof-Bäckerei, die jeden Tag frische Brötchen und Brote bäckt. Vermarktet wird an Großverbraucher und direkt an die Endkonsument:innen über Öko-Kisten, die sich zusätzlich zu den Produkten des Hofes aus angelieferten Bio-Produkten zusammenstellen lässt. Durch dieses Modell beliefert der Hof jede Woche rund 900 Haushalten mit Lebensmitteln von hoher Qualität, direkt vor die Haustür.

Wir wachen auf, es ist 7 Uhr, die Hitze staut sich bereits im Dachgeschoss, wo wir schlafen. Mit Ludwig drehen wir nun dieselbe Runde nochmal. Wo am Vorabend alles still stand, sehen wir jetzt überall reges Treiben. Wir staunen über die Vielfalt und Größe des Betriebes. Ludwig stellt uns die ersten Leute vor, die wir überall bei der Arbeit finden. Wir fragen eine ganze Menge – allgemeine Fragen zur Landwirtschaft, Fragen zum Hof, Fragen zur Politik und zu Demeter –, und Ludwig geht auf alles ein. Er hat auf diesem Hof eine Ausbildung zum Landwirt gemacht und danach ein Studium der Ökologischen Landwirtschaft in Eberswalde. Seit einem halben Jahr ist er wieder Vollzeit auf dem Hof beschäftigt.

Nach unserem Rundgang gehen wir in eins der vielen Häuser und frühstücken gemeinsam. Alle sind aufgeschlossen uns gegenüber und interessiert, warum wir uns entschieden haben, an „Hof mit Zukunft“ teilzunehmen. Danach laufen wir alle gemeinsam auf den Innenhof und schließen uns der Morgenrunde an, die es hier von Montag bis Freitag jeden Tag für alle Mitarbeitenden um 9 Uhr gibt. Jemand hat Geburtstag und es wird ein Lied angestimmt, es werden ein paar Updates von den verschiedenen Arbeitsbereichen gegeben und ein paar vorbereitende Wort zum Hoffest, was am nächsten Tag stattfinden soll, gesprochen. Danach schließen Laura und ich uns zwei verschiedenen Arbeitsbereichen an. Sie geht in die Bäckerei, ich zum Ernten auf den Acker.

Ich bekomme ein paar Handschuhe, ein Messer und eine Schere und wir verbringen die nächsten zwei Stunden in der prallen Sonne mit dem Ernten von Kohlrabi, Salat und Mangold, so viel wie diesen Tag benötigt wird. Die Kisten stapeln sich, und wir unterhalten uns zwischen den Beeten über die Arbeit hier und die Arbeit im Gartenbau generell. Als quereingestiegener Gärtner interessieren mich die verschiedenen Methoden zum Anbau, aber auch zur Koordination. Die beiden, mit denen ich arbeite, wirken locker und machen hier und da einen Spaß. Nachdem wir das Gemüse in der Waschstationen abgebraust haben – eine willkommene Abkühlung nach der ganzen Sonne –, gehen wir auf den Hof zum gemeinsamen Mittagessen. Jeden Tag wird hier für alle mittags gekocht. Heute gibt es Salate, Auflauf, Kartoffelecken und Kuchen und alle sitzen hinten auf der Wiese im Schatten, essen und quatschen.

Nach dem Essen nimmt uns Ludwig mit dem Pickup mit zu ein paar der Ackerflächen, wo heute Heu geschwadet (also zusammengehäuft) und geballt wird. Wir dürfen eine Runde im Traktor mitfahren und stauen über die riesigen Aufsätze, die mit einer Wucht das Heu zusammenscharren bzw. später aufsammeln und in Heuballen pressen. Wir merken, wie passioniert das Ackerbau-Team ist. Sie verbringen den Großteil des Tages in einem (zum Glück klimatisierten) Traktor, fahren die verschieden Flächen ab und pflegen nach Rückkehr noch einmal alle Maschinen durch - da kommt mensch schon schnell auf 60 Stunde und mehr in der Woche.

Zurück auf dem Hof kommen wir gerade noch rechtzeitig an, um bei den letzten Zügen dem zweiten Melken des Tages zuzuschauen. Eine Auszubildende zeigt uns den Melkstand und wir gucken ihr wie gebannt zu, wie sie die Kühe auf den sechs Ständen mit gekonnter Effizienz melkt.

Mittlerweile ist es Abend, und nachdem wir etwas gegessen haben, lassen wir den Abend mit Ludwig ausklingen und reden noch lange über Landwirtschaft, Agrarpolitik, Wertschöpfungsketten und Nachhaltigkeit, während die Sonne langsam untergeht. Am Ende des Tages fühlen wir uns erschöpft wie nach einer 12-Stunden-Schicht, aber dennoch sehr glücklich und schlafen in Vorfreude auf dem nächsten Tag blitzschnell ein.

Mein Wecker klingelt um 2:45 Uhr. Ich ziehe mir im Dunkeln meine leichtesten Sachen an und tippe die Stufen herunter, wo ich pünktlich um 3 Uhr die Bäckerinnen vor der Backstube antreffe: Heute soll ich die Morgenschicht in der Backstube in Vorbereitung auf das Hoffest unterstützen. Ich bekomme eine Schürze und ein Haarnetz. Drinnen werden die Knetmaschinen angeworfen, und der Ofen wird vorgeheizt. Wir bereiten die Teige vor für Brote, Brötchen und Kuchen - alles aus eigenem Getreide.

So verbringe ich die nächsten sechs Stunden mit kneten und formen und bewundere die geschickten Hände der Bäckerinnen, wie sie den Teig zu einer perfekten Kugel zusammenkneten. Zwischendurch machen wir uns selbst ein paar Brötchen und frühstücken kurz gemeinsam – frischer geht's nicht!

Nach der Morgenrunde drehen wir noch eine Runde über den Hof und diesmal auch über ein paar der Weideflächen und stehen unter den Kühen beim Grasen. Ich merke meine Müdigkeit und lege mich nochmal hin bevor das große Hoffest um 14 Uhr startet – es werden über 1000 Menschen erwartet. Die ersten Gäste sind bereits da, als ich aufwache. Das Fest startet, wir schlendern entlang der verschiedenen Stände und Angebote, lauschen den Konzerten und genießen das Essen, das wir bekommen. Dann stehen wir 16 Uhr an der Küche, denn wir sind zum Spülen für die nächsten vier Stunden eingeteilt. Neben dreckigem Geschirr wird uns immer wieder Essen gebracht.

Mindestens so erschöpft wie am Vortag sitzen wir mit einem Bier auf der Wiese, lauschen dem letzten Konzert und lassen unsere Augen über die hügelige Weite schweifen.

Am Sonntagmorgen trifft sich an diesem Tag der ganze Hof zum Frühstück. Alle tauschen sich über das Fest aus, bevor die Menschen in ihren Abbau- und Aufräumarbeiten verschwinden. Wir sind zum Kartoffelschälen mit Ludwig verabredet. Unsere letzten Stunden auf Hof Mahlitzsch verbringen wir quasi in Fließbandarbeit beim Schälen und Abpacken von Lagerkartoffeln, die an Großverbraucher wie Schulen geliefert werden. Gemeinsam reflektieren wir über das lange Wochenende – wir hatten eine fantastische Zeit und ich hoffe wirklich, dass ich bald wieder kommen kann. Nach einem kurzen Mittagsbissen werden uns noch ein paar Hofprodukte in die Hand gedrückt und wir machen uns auf den Heimweg.

Edward Treu-Painter ist Solawi-Gemüsegärtner, aktiv bei der jAbL und kommt aus Wittenberg.

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