Wir brauchen jetzt eine bäuerliche Landwirtschaft in unseren Regionen!

Stellungnahme von Aktion Agrar zu Covid-19

Wir alle befinden uns in besonderen Zeiten, die wir so noch nie erlebt haben. Die Corona-Pandemie hat bereits starke Auswirkungen auf unser persönliches Zusammenleben und viele Berufsstände sorgen sich um ihr Einkommen und ihre Zukunft. Auch die Landwirtschaft wird durch die aktuelle Krise schwer getroffen. Der verstärkte Lebensmittelkauf im Einzel- und Onlinehandel, Lieferverzögerungen durch lange Staus an den Grenzen, aber auch Einschränkungen des öffentlichen Lebens und die Frage, ob und wie weiterhin genug Menschen auf den Höfen arbeiten können, sind Umstände, mit denen sich landwirtschaftliche Betriebe jetzt konfrontiert sehen.

Mitschuldig ist das industrielle Agrarsystem, das an der Entstehung und Verbreitung von neuen Krankheiten nicht unbeteiligt ist. Durch die unersättliche Zerstörung von immer mehr Lebensraum, um diese Flächen durch den Anbau von Soja, Mais oder Palmöl in strukturleeren Monokulturen und unter intensivem Chemie- und Düngemitteleinsatz auszubeuten. Durch das Verdrängen von natürlichen Öko-Systemen sowie indigenen oder landlosen Bevölkerungsgruppen, durch die industrielle Massentierhaltung auf viel zu engem Raum und unter einem hohen Antibiotikaeinsatz, wird die Verbreitung von neuen Infektionen angefeuert. Kritische Stimmen mahnen schon seit Jahren vor dieser systemischen Unverantwortlichkeit (siehe hier, hier und hier).

Besonders betroffen sind in der globalisierten Landwirtschaft Betriebe, die ins Ausland exportieren oder ausländische Vorprodukte (Jungpflanzen etc.) beziehen. Aber auch vielen bäuerlichen Betrieben, die nicht für den Weltmarkt produzieren, stehen schwere Zeiten bevor. Betrieben, die vorrangig an Großverbraucher wie Kantinen oder Restaurants vermarktet haben, bricht der Absatz weg. Sie müssen sich schnell neue Vermarktungsstrukturen aufbauen, viele sind existentiell bedroht. Beispielsweise wird in Deutschland auf 1/5 der gesamten Gemüse-Anbaufläche Spargel angebaut, der in großen Mengen an Restaurants vermarktet wird. Schwere Zeiten stehen auch den Zierpflanzen-Gärtner*innen bevor. Viele Verkaufsgeschäfte haben geschlossen.

Gleichzeitig boomen die Abo-Kisten. Viele Biokisten können keine neuen Kund*innen mehr aufnehmen, u.a. auch weil der Großhandel mit dem Kommissionieren nicht hinterherkommt. Der Online-Handel von Lebensmitteln sowie die Hauslieferungen von Biokisten werden in den kommenden Wochen weiterhin an Zulauf gewinnen. Einige werden ihre Kapazitäten ausbauen. Doch vor allem der Konzern Amazon und andere Großunternehmen werden aufrüsten können und in der Krise profitieren. Wir hoffen deshalb, dass insbesondere regionale Lieferdienste neue Kund*innen finden.

Gerade in diesen Krisenzeiten zeigt sich, dass regionale Verbindungen zwischen Erzeugenden und Verbrauchenden wichtiger denn je sind. Bäuerliche Betriebe, handwerkliche Verarbeitende und engagierte Menschen, die regionale Wertschöpfungsketten aufbauen, tragen dazu bei eine widerstandsfähige Lebensmittelversorgung zu gestalten, die für derartig weitreichende Krisen besser gewappnet ist. Das Stichwort ist Resilienz: Denn die Solawi um die Ecke, die Gemüsebäuerin, die den Regionalladen beliefert, die Bäckerei, die regionales Getreide verbackt, die Bio-Kiste vom Lieblingshof und der eigene Garten haben alle gemein, dass sie nicht auf einem System globaler Lieferketten und Just-in-Time-Supermarkt-Mechanismen beruhen. Im Gegensatz zur industriellen Landwirtschaft sind sie weniger auf externe Inputs und globale Warenströme angewiesen, sind von Menschen für Menschen gemacht und zeigen oftmals ein höheres Improvisationsvermögen. Vor allem sind sie transparenter, erreichbarer, nahbarer und sichern die Versorgung – für, mit und durch ihre entsprechende Region.

Die Agrarwende ist uns also weiter Herzensangelegenheit, auch in leidvollen und stürmischen Zeiten wie diesen. Trotz all der persönlichen, beruflichen, sozialen, gesundheitlichen, gesellschaftlichen und medizinischen Herausforderungen, vor denen wir alle stehen, wollen wir dabei auch die Hoffnung nicht verlieren. Lasst uns die Krise als eine Chance nehmen, Landwirtschaft sozialer, bäuerlicher und ökologischer zu denken und zu gestalten. Vielleicht schaffen wir es, dass sich viele Menschen wieder näher an der Erzeugung ihrer Lebensmitteln fühlen oder dass langfristig bessere Arbeitsbedingungen für Saisonkräfte ermöglicht werden. Nutzen wir den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbruch, der uns noch lange Zeit beschäftigen wird, um Festgefahrenes neu auszuhandeln und die Welt während und nach Corona gemeinsam zu einer besseren zu gestalten!


Dieser Text von Aktion Agrar erschien zuerst auf der Website der Initiative. Dort finden sich auch eine Reihe von weiteren Texten zum Thema Covid-19 und Landwirtschaft.


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