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Zu Besuch bei einem "absoluten Optimisten"

Für mich als Großstadtmenschen war die Aktion „Hof mit Zukunft“ eine einzigartige Gelegenheit, meine Vorstellungen von der Landwirtschaft einem Realitätscheck zu unterziehen. Alles, was ich darüber zu wissen glaubte, hatte ich mir aus Dokumentationen und Kinderbüchern zusammengereimt. Ehrlicherweise habe ich mich nie intensiv mit der Thematik befasst. Zwar achte ich beim Kauf von Lebensmitteln auf Bio-Siegel, hatte aber nur eine grobe Vorstellung davon, was „bio“ bedeutet: keine Gentechnik, keine Pestizide & bessere Haltungsbedingungen von Tieren.

Mir ging es bei der Aktion in erster Linie darum, selbst zu erfahren, unter welchen Bedingungen meine Nahrung entsteht. Und darum, durch meine Mitarbeit einen kleinen Teil zurückzugeben und meine Wertschätzung auszudrücken. Bewusst hatte ich mich für einen Milchviehbetrieb entschieden, da mir Tierwohl sehr am Herzen liegt und mich schon lange die Frage beschäftigt, ob es ethisch vertretbar ist, Milch zu trinken.

Ich stellte mich auf arbeits- und gesprächsreiche Tage ein, die körperlich und mental herausfordernd sind. Auf dem Biohof Nagel angekommen, bekamen wir eine kleine Führung und konnten schon viele Fragen loswerden. Schön zu sehen waren die drei Kälber, die erst wenige Tage alt waren und bei ihren Müttern standen bzw. lagen. Erst als es bereits dunkel wurde, haben wir uns zum Abendbrot an den Tisch in der Küche gesetzt. Wir besprachen den nächsten Tag und unsere Aufgabe: Wir sollten am nächsten Morgen um 7 Uhr im Stall sein und das Futter für die Kühe ausbreiten – selbst angebautes und geerntetes Kleegras, das von dem Mitarbeiter Paul zuvor mit dem Traktor in den Stall gebracht würde. Kühe melken mussten wir nicht, denn diese Aufgabe übernimmt ein vollautomatischer Melkroboter, den die Kühe aktiv ansteuern können. Für uns wurde es also Zeit fürs Bett.

Die nächsten beiden Tage vergingen schnell: morgens Kühe füttern, bei Gelegenheit mit aufs Feld und dabei fragen, fragen, fragen. Reinhard nahm sich alle Zeit der Welt für uns, und wir lernten sehr viel in der kurzen Zeit. Vor allem: Das Wetter diktiert den Tagesablauf, und oft kommt alles anders als gedacht. Am Freitag war es heiß und die Sonne schien. Auf mehreren Feldern musste das gemähte Gras gewendet werden, um es später in Ballen pressen zu können. Würde alles rechtzeitig fertig werden?

Auch mit unvorhergesehenen Zwischenfällen musste stets gerechnet werden. Am Samstag sollte das gewendete Heu für das Einholen vorbereitet werden. Wir durften beim Schwadern (= das Auftürmen von gemähter und gewendeter Wiese in Reihen) und Ballenpressen dabei sein. Doch gleich zu Beginn gab es ein Problem mit der Ballenpresse. Ein Gewitter kündigte sich für die Nacht an, und wir merkten die Anspannung, die in der Luft lag. Wenn das Heu nass würde, könnte man nur noch Heulage daraus machen. Vor den beiden Landwirten, die wir in den Traktoren begleiten durften, lagen viele Stunden Arbeit. Alles musste fertig werden, bevor der Regen einsetzt.

Im Leben eines Landwirts gibt es kaum Zeit für Hobbys. Ständig müssen Entscheidungen überdacht oder neu getroffen werden. Man muss flexibel sein und sich anpassen können. Und vor allem muss man verzichten können. Zum Teil geht das sogar auf die eigene Gesundheit. Wir bekamen viele Geschichten über andere (Bio)-Bauern zu hören, die Knie-, Herz- oder sonstige gesundheitliche Probleme haben – und keine Zeit, um sich auszukurieren. Noch dazu gibt es keine Ferien, keinen Urlaub, kein Wochenende. Die Arbeit ist immer da. Was bedeutet das für mich, für meinen Alltag? Ist das fair? Diese Fragen werden mich noch lange beschäftigen.

Tatsächlich waren es auch gesundheitliche Probleme, die Reinhard dazu gebracht haben, die konventionelle Landwirtschaft in Frage zu stellen. Nachdem er den Hof seiner Eltern übernommen hatte, führte er die konventionelle Art zunächst weiter. „Bio kannte man damals ja auch noch nicht“, sagte er. Doch durch die jahrelange Verwendung von chemischen Unkrautbekämpfungsmitteln bekam er Hautreizungen und Ausschläge. Schließlich stellte er auf mechanische Unkrautbekämpfung um, die sich sogar als effizienter erwies.

Auch in vielen anderen Bereichen bewies Reinhard Problemlösekompetenz und Einfallsreichtum: Wärme gewinnt er über die Verbrennung von übrig gebliebenen Dinkelspelzen; Futter für die Kühe baut er selbst an; eine Molkerei, die nur Biomilch verarbeitet, gründete er einfach selbst (zusammen mit anderen). Mittlerweile hält er über 60 Milchkühe. Sicherlich half ihm bei all dem seine aufgeschlossene Persönlichkeit: Er ist in der Gegend super vernetzt, man hilft sich gegenseitig.

„Wie kann ich als Konsument diese Arbeit wertschätzen?“, wollte ich wissen. „Durch den Kauf der Produkte!“, kam die prompte Antwort. Wer Wert auf Bio-Produkte legt, sollte die regionalen Bauern unterstützen. Sonst haben es diese immer schwerer, ihre Produkte auf den Markt zu bringen.

Das macht natürlich Sorgen. Verstärkt wurden sie, als wir der Molkerei einen Besuch abstatteten. Bei der Pfandrückgabe fanden wir etliche vollständig gefüllte, noch ungeöffnete Joghurtgläser vor. Es war schmerzhaft zu sehen, dass teure Bio-Produkte im Müll landen. Ich würde mir wünschen, dass sich mehr Menschen mit der Herkunft ihrer Nahrung auseinandersetzen. Nicht nur mit der Entscheidung, ob sie Milch trinken oder nicht, sondern auch mit der Frage, unter welchen Lebens- und Arbeitsbedingungen die Menschen dahinter leben.

Es war offensichtlich, dass Reinhard voll und ganz hinter seinem Hof steht. Trotz allen Widerständen war und ist Reinhard ein absoluter Optimist – immer gelassen, immer eine Lösung parat. Wenn ich an die Statistik denke, nach der die Zahl der kleinen Milchviehbetriebe beständig sinkt, würde ich mir davon gern eine Scheibe abschneiden. 

Für mich war der Aufenthalt auf dem Biohof Nagel eine prägende Erfahrung, aus der ich viele wertvolle Gedanken und Anregungen mitnehmen konnte. Ich danke Reinhard und Sabine für ihre Gastfreundschaft und ihnen und allen anderen für ihre Bereitschaft, sich für uns Zeit zu nehmen und unsere Fragen zu beantworten.

Marike Nachtigal arbeitet beim NABU in Leipzig.

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